von Disentis und Umgebung

Im Internet gefunden: Scan (pdf) einer Broschüre aus dem Jahr 1921. Link:
http://scans.library.utoronto.ca/pdf/7/33/kunstschtzeder00curt/kunstschtzeder00curt.pdf

P. Notker Curti
Kunstschätze der Kirchen von Disentis und Umgebung
TEXTBÜCHLEIN ZUM ALBUM
Photographische Aufnahmen von Dr. P. Carl Hager und P. Sigisbert Otten
Kloster-Disentis.
BUCHDRUCKEREI JOS. CONDRAU, DISENTIS 1921.

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Inhalt:
- Einleitung
- St. Agatha
- Striegel-Altar
- Pfarrkirche
- Acletta

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Einleitung

Dem Bündner Oberland geben seine vielen Kirchen und Kapellen einen eigenen Reiz. Von grüner Halde, von dunklem Waldrand, vom schützenden Fels heben sich die weißen Mauern mit den silbergrauen Schindeldächern ab, als ob sie hingemalt wären. Und wer den einsamen Weg zum Heiligtum nicht scheut, wird oft durch einen alten Altar, durch ein gutes Bild, oder wenigstens durch einen Blick auf ein Stücklein Erde mit Firn und Wald und Feld entschädigt. Ein etwas geübteres Auge wird bald die stillen Gotteshäuser einer bestimmten Periode zuweisen und zu seiner Ueberraschung finden, dass er auch heute noch in Bünden, meist sogar auf engem Gebiet zusammengedrängt, die ganze Entwickelung der kirchlichen Bauten in alt fry Rhätien studieren kann. Am Alten, Erprobten hängend, wie die meisten Bergvölker, haben die Bündner nicht jede Kunstperiode im Kirchenbau mitgemacht. Um eine regere Bautätigkeit und damit gewöhnlich eine neue Richtung im Kirchenstil herbeizuführen, brauchte es nicht nur eine religiöse Zeit, auch Wohlstand und politische Entwicklung waren notwendig. Sobald aber diese Bedingungen eintrafen, hat man nicht nur das Notwendige, sondern auch das Wünschbare gebaut. Und dies war besonders dreimal der Fall: im frühen Mittelalter, um 1500, und für den katholischen Teil zur Zeit der Gegenreformation Drum findet sich die karolingische Saalkirche, die spätgothische einschiffige Kirche mit hölzerner Decke oder reichem Sterngewölbe und die baroke, meist stark italienisch beeinflusste Halle so häufig in Graubünden. Was dazwischen lag, hat nur wenige Spuren hinterlassen.

St. Agatha

Alle Kirchen vor der spätgotischen Periode, mögen sie wirklich aus karolingischer Zeit stammen, wie die Kirche von Müstail oder die alte Muttergottes-Kirche in Disentis, mögen sie späteren Datums sein, wie St. Agatha oder St. Euseb in Brigels, mögen die drei Absiden aussen sichtbar, oder in der Mauer ausgespart oder ganz weggelassen sein, alle bieten das gleiche Raumbild, einen flach gedeckten Saal ohne eigentlichen Chor, mit wenig erhöhtem Altarraum. Und dieses Bild hat St. Agatha in Disentis vielleicht am besten bewahrt.

Die Baudaten der Kirche sind bald angegeben. Abt Peter von Pultingen habe die Kirche 1420 gebaut „ex fundamentis exstruxit", meldet die Synopsis annalium monasterii Desertinensis. Das ist alles, läßt aber manche Erklärung zu. Der Wortlaut möchte fast den Gedanken an einen Neubau aufkommen lassen, aber ein näheres Zuschauen lässt mit ziemlicher Sicherheit behaupten, Abt Peter habe am alten Bau nur den Giebel erhöht, die jetzige Holzdecke mit den breitköpfigen Nägeln eingespannt und wohl auch den Turm gebaut; denn, dass dieser posthum romanisch ist, steht ausser Zweifel. Auch eine Glocke und eine Holzskulptur der hl. Agatha weisen auf die Zeit dieses Umbaues hin. Möglicherweise hat Abt Peter auch die Nordwand durch einen deutschen Maler mit Szenen aus dem Leben der hl. Agatha schmücken lassen. Sie schliessen sich den kleinen hochliegenden Rundbogenfensterchen an und sind nur in kümmerlichen Resten von der Dünke befreit. Etwas später, vielleicht circa 1500 sind diese kleinen romanischen Lucken vermauert und grosse viereckige Fenster ausgebrochen und die Süd- und Absidenwand von einem Italiener bemalt worden. Dass es aber ein Italiener gewesen, daran lässt z. B. die Krönung Maria keinen Zweifel, besonders da sich die gleiche Hand im Tessin nicht verkennen lässt. Man vergleiche nur den hl. Mammas in Semione mit dem hl. Plazidus in St. Agatha. Seine Bilder sind flott hingeworfen, im Faltenwurf stark stilisiert, die Ornamentik ist oft in Form und Farbe überraschend. Für die unheimlich glotzenden Augen muss die reiche Pracht entschädigen, die besonders die hl. Dreikönige mit ihrem Gefolge entfalten, als kämen sie geradeswegs vom burgundischen Hof. Was den Fremden am meisten überrascht, ist die ausgezeichnete Erhaltung der Bilder, sodass sie im ersten Augenblick frisch restauriert erscheinen. Aber mit Ausnahme der Verkündigung in der linken Chornische sind sie ganz unberührt geblieben. Dort wurde 1616 das ganze Bild übermalt, sodass nur die alte Gruppierung blieb. Es war die einzige Abside, die früher sichtbar war, vor den zwei andern standen die Altäre, die jetzt ins Schiff gestellt sind. Auch die zwei Rundbildchen über der linken Chornische, mit den Figuren der Propheten Aggäus und David haben damals etwas mitbekommen. Die übrigen vier: Daniel und Ezechiel, Jeremias und Isaias blieben unberührt.

Sehr altertümlich mutet das Bild der mittleren Abside an. Nicht nur die Auffassung der Majestas Domini, umgeben von den Evangelisten, auch die Darstellung des Heilandes in der Mandorla war damals schon veraltet. Vielleicht war ein ganz ähnliches Bild schon früher in der Hauptabside. Ausserdem sind die missratenen Tiergestalten und der breitspurige Heiland mit den roten Haaren nicht sehr ansprechend. Die Spruchbänder wollen die bekannten Evangelistensymbole erklären und mit den Evangelien in Verbindung bringen. „Est homo matre deus, genus indica ecce mariae" deutet auf Matthäus und den Anfang seines Evangeliums. — „Munere clamoris marcus fit imago leonis" (kraft seiner Stimme erhielt Markus das Bildnis des Löwen) bezeichnet den Evangelisten Markus, und die Stimme des Rufenden in der Wüste, mit der sein Evangelium anfängt. „Transvolat alas aquila volat astra Johannes“ (Gleichwie der Adler entschwebt, fliegt über die Sterne Johannes) nimmt Bezug auf den hohen Gedankenflug, mit dem der Seher von Patmos sein Evangelium beginnt, während das Priestertum den Zacharias im Lukasevangelium durch den Vers angedeutet wird: „Templa lucas curas vitulum pingendo figuras" (Du besorgst, Lukas, Tempel und Opferstier und malest Bilder) und zugleich auf des Evangelisten Eigenschaft als Maler hingewiesen wird.

Wohl das beste Bild findet sich in der südlichen Chornische. Es stellt die Krönung Marias durch ihren göttlichen Sohn dar. Beide Gestalten sitzen auf einem hochragenden gothischen Tron, umgeben von 6 musizierenden Engeln. Namentlich die Multergottes ist, abgesehen von den Augen, ein feines Bild, fein in der Haltung, in Farbe und Kleidung. Den Schmuck der Chorwand vervollständigen die vier Prophetenmedaillons über den Absidenbögen und die zwei Heiligenfiguren zwischen den Nischen. Daniel, Ezechiel, Jeremias und Isaias sind dort dargestellt. Die zwei Heiligen lassen St. Plazidus und St. Ulrich erkennen. Das faltenreiche Messgewand des Augsburger Bischofs präsentiert sich bedeutend besser, als der Disentiser Heilige in der engen Modetracht des XV. Jahrhunderts. Blutring am Hals und Palme sind Zeichen seines Martyriums. Leider ist der Sockel der Chorwand übertüncht worden, aber die Reste eines Stifterbildes verraten, dass dort vielleicht noch etwas zu entdecken wäre.

Die Schildereien der Südwand beginnen vorne mit dem Bilde der Kirchenpatronin, der hl. Agatha, die in ähnlich steifer Haltung wie St. Plazi die Zeichen ihres Martyriums trägt. Der reiche Faltenwurf des Mantels aber zeichnet sie vorteilhaft vor ihm aus.

Es folgt eine figurenreiche Darstellung der Weisen aus dem Morgenlande, wie sie dem Christkind ihre Gaben bringen, ein Köstümbild aus dem späten Mittelalter, wie man es sich kaum glänzender wünschen könnte. Da ist nicht gespart mit pelzbesetzten Sammt-Röcken, feingefütterten Hängeärmeln, langen Sendelbinden und all dem Prunk burgundischer Hofmode, ganz im Einklang mit dem naiven Empfinden, das sich nicht scheute, die gleichen Personen dreimal auf dem gleichen Bilde darzustellen: beim Zug nach Jerusalem, auf der Reise nach Bethlehem und am Ziel der Fahrt. Was ein gemütlicher Schilderer nur darstellen kann, ist hier gemalt. Im Hintergrund Meer und Fluss mit Schiffen und Wellen, der Zug durch die verschneite Landschaft, die feste Stadt Jerusalem mit Zinnen und Türmen, Kirchen und Zugbrücken, ein echt italienisches Städtebildchen, vorne der eingehegte Platz mit Stall und Küche. — Wie oft im Mittelalter tritt der hl. Josef ganz zurück, sein Amt ist, das Feuer unter dem Kessel zu unterhalten, während Maria auf einem reichen Paradebett sitzend den Königen ihren göttlichen Sohn zeigt. Obwohl die Gottesmutter hier bedeutend geringer gezeichnet ist als auf dem Krönungsbild, obwohl das Christkind nichts weniger als ansprechend aussieht, ist dies Bild doch das intimste, ein unverfälschtes Stück Mittelalter im Ganzen und Einzelnen. Die Kritzeleien aus dem Ende des XVI. und dem Anfang des XVII. Jahrh. bestimmen wenigstens die Zeit, vor der die Schildereien ausgeführt wurden.

Viel weniger originell ist das letzte Bild, auf dem Maria alle Stände unter ihren Mantel sammelt, rechts die Frauen, links die Männer. Wiederum die charakteristische Tracht des 15. Jahrhunderts, leider auch wieder die glotzenden Augen und dazu recht wenig Abwechslung in den Gesichtstypen. Die Frauen erscheinen im weissen Sturz, die Jungfrauen mit einem Band auf den Haaren, die Männer ohne Kopfbedeckung. Ueber alle spannen vier Engel den schweren Brokatmantel in echt spätgothischer Weise. Tadellos in Form und Farbe zieht sich über dieser Darstellung ein breiter Rollfries hin.

So ragt die Saalkirche von St. Agatha durch ihre Bilder schon in die 2. Periode hinein.

Striegel - Altar

Aus dieser Periode hat sich in Disentis keine Kirche erhalten, wohl aber reiche Reste des spätgothisehen Kircheninventars und auch dies zum schönen Teil in St. Agatha. Da ist vor allem der grosse prächtige Flügelaltar von Ivo Strigel zu nennen. „Completum est hoc opus per magistrum Ivonem Strigel de Memingen 1489" meldet die Inschrift. Die Figuren stellen bei geöffnetem Schrein von links nach rechts dar: St. Catharina, St. Ursula, St. Ulrich, St. Maria Magdalena, Maria, St. Sebastian, St. Jakob, St. Barbara und St. Margaretha; die beiden Brustbildchen in den Ecken des Schreines: St. Ulrich und St. Nikolaus. Die Ganzfiguren St. Ulrich und Jakob sind indes spätere Zutaten. Ursprünglich standen dort St. Johannes und St. Peter, zwei Figuren, die heute, leider stark restauriert, in der Pfarrkirche sich befinden. Ausserdem haben sich noch erhalten zwei Figürchen, die einst hinter den Flügeln angebracht waren: St. Luzius und St. Florin, und drei Figuren aus der Bekrönung: Maria, Johannes und der leidende Heiland, die heute an der Südwand in einem Altarschrein stehen. Leider ist die Predella stark beschädigt. Einst enthielt sie die 12 Apostel mit Christus. Auf der Rückseite des Schreines tront der Weltenrichter zwischen Maria und Johannes zum letzten Gericht, während auf dem einen Flügel St. Plazidus und Sigisbert, auf dem andern St. Martin und St. Antonius gemalt sind.

Dass der Altar einer der besten seiner Art in Graubünden ist, dafür bürgt schon der Name des Erbauers aus der bekannten Meminger Künstlerfamilie Striegel, dessen bekannter Altar aus St. Maria Calanca heute im Museum in Basel steht. Wie die meisten Altäre jener Zeit hat er manches Handwerkliche an sich, da solche Stücke meist in grossen Werkstätten hergestellt wurden. Auch seine Herkunft kann er nicht verleugnen wie alle diese süddeutschen Altäre, mit denen einst fast jede Bündnerkirche ausgestattet war. Es sind lauter wohlgenährte, blühende, etwas hausbackene Figuren mit recht gemütlichen Gesichtern trotz der schrecklichen Marterwerkzeuge. Sehr gut sind die beiden Bischofsbüsten und die zwei Figuren des Mittelstückes, Maria und M. Magdalena. Auf die feine Drapierung des Kopftuches hat Ivo Striegel bei seinen Hauptfiguren nur ungern verzichtet.

Schwieriger ist die Frage zu lösen, für welche Kirche einst unser Altar bestellt worden, denn, dass er nicht für St. Agatha bestimmt war, sagt der erste Blick. Die Heiligen Plazid, Sigisbert, Johannes und Petrus machen es beinahe sicher, dass er für die Pfarr- oder Klosterkirche gefertigt wurde. Sich aber für eine dieser beiden Kirchen entscheiden, wäre Willkür, da von der alten Pfarrkirche keine Spur, von der alten Klosterkirche nur die Fundamente vorhanden sind und schriftliche Nachrichten über ihre Ausrüstung fehlen. Wie Striegel im Bündnerland bekannt wurde, ist nicht ganz klar, man hat schon auf eine Verbindung durch die kollektierenden Antönier von Memmingen geraten. Dass er aber in Disentis geschätzt war, darauf weist die Tatsache hin, dass Abt Johannes Brugger bei ihm den neuen Sarkophag für die Reliquien der Heiligen Plazidus und Sigisbert fertigen liess; und wenn nicht die Anzeichen trügen, so war auch der alte Hochaltar der Brigelser Pfarrkirche ein Werk Striegels.

Besonders in den ersten zwei Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts mehrten sich die süddeutschen Flügelaltärchen, sodass viele Pfarrkirchen mehrere besassen und auch Kapellen mit solchen geziert wurden. Aber diese späteren Stücke stehen weit hinter Striegel zurück. Ein kleines Altärchen in St. Agatha und den Altar von Mompe-Medels möchte man gern mit dem von Camischollas (Tavetsch) und dem ehemaligen von St. Johann am Lukmanier (jetzt in Yigens, Lugnez befindlich) zu einer Gruppe vereinigen und sie einem Jörg Kendel von Biberach zuweisen, dessen Name mit der Jahrzahl 1516 auf dem Altar von St. Johann angebracht ist. Das Altärchen von St. Agatha hat im Schrein 3 Figuren: St. Sebastian, St. Anna selbdritt und St. Rochus, auf den Flügeln je eine, St. Christoph und St. Gregor. Auf der Rückseite der Flügel sind St. Fabian und Ulrich gemalt, den Mittelschrein beleben die 2 Bündner Patrone Luzius und Florin mit Petrus, Paulus und Antonius. Sehr nett sind die zwei Figürchen, die zu beiden Seiten der Bekrönung stehen. Mit St. Helena und St. Emerita dürften sie wohl richtig bezeichnet sein. Der Auferstandene aber ist jedenfalls später dazugekommen, er kommt bei Beurteilung des Altärchens nicht in Betracht. Das Uebrige ist kaum mehr als mittelmässig in Ornament und Figuren, aber sehr gut erhalten, farbenfrisch und wenig beschädigt. Wenn aber noch ein Zweifel auftauchen sollte, ob man es wirklich mit einem späten Stück zu tun habe, so benimmt die Datierung 1520 jeden Zweifel.

Anmerkung: Der Striegel-Altar befindet sich heute in der Vorhalle der Pfarrkirche von Disentis
Andreas Keller

Grösser, reicher, auch feiner in Ornament ist der Altar von St. Valentin auf Mompe-Medels, entbehrt aber, wie das eben besprochene Altärchen der Predella. Die 5 Schrein- und 4 Flügelfiguren stellen von links nach rechts: St. Martin, St. Margaretha, St. Benedikt, St. Plazid, Maria, St. Sigisbert, St. Anton, St. Katharina und St. Sebastian dar. Die Rückseile ist mit drei Szenen bemalt (die Anbetung der Weisen, die Kreuzabnahme und die Geburt des Heilandes) und mit eingeschnittenen Hauszeichen und Buchstaben reichlich verunstaltet. Obwohl dieser Altar stattlicher ist, als sein kleiner Bruder, so macht ein Vergleich zwischen St. Plazi und St. Christoph oder zwischen den zwei hl. Sebastian ihre Verwandtschaft sehr wahrscheinlich. So haben sich auf dem Gebiet der Gemeinde Disentis 3 gothische Altäre fast vollständig erhalten. Nehmen wir noch die zwei Altäre in Tavetsch und die 3 Medelser hinzu, das Altärchen in St. Martin in Brigels und die Reste des gothischen Hochaltars aus der dortigen Pfarrkirche, so bekommen wir ein selten reiches Bild von spätgothischem Kircheninventar.

Noch reicher ist die Ausbeute aus der letzten bündnerischen Bauperiode, aus der Zeit der Gegenreformation. Den Uebergang bildet das Altärchen von 1572, das einst Hauptmann Sebastian v. Castelberg gestiftet und das heute in der Klosterkirche steht. Aus der Zeit der Gothik ist noch die Dreiteilung beibehalten, auch das liebevolle Eingehen auf die Einzelheiten beim Ornament ist ein altes Erbstück im Gegensatz zum späteren Barok. Und in der Tat sind die Putten und Hermen, die Tritonen und Delphine fein geraten, fein auch im weichen Kolorit. Während bei den obern Säulen noch Anklänge an die jonische Ordnung vorherrschen, beginnen die weiten Kanelüren der unteren sich bereits zu drehen, ein Vorbote der kommenden gewundenen Säulen. Die Tafelbilder sind nicht gleichwertig, weisen auch verschiedene Malerinitialen auf. Wohl das beste ist das Mittelstück mit Stifterbildern und Wappen. Aber auch die hl. Barbara in der Predella und St. Magdalena auf dem rechten Flügel unten sind recht saubere Bildchen. Wenigstens muss man St. Barbara als interessantes Kostümbildchen gelten lassen.

Disentis, Pfarrkirche

Aus der eigentlichen Zeit der Gegenreformation besitzt Disentis eine reiche Auswahl an Kirchen. Da ist zunächst die Pfarrkirche aus der ersten Hälfte des 17. Jahrh. noch stark gothisierend, sodass selbst der Umbau nach dem Brande von 1799 die Spuren nicht verwischen konnte, obwohl Streben und Masswerk ihr spätes Entstehen nicht verleugnen. Die gothische Tradition ist eben nicht nur in Bünden sondern in der ganzen Schweiz in der 1. Hälfte des 17. Jahrh. noch lebendig gewesen. Dann aber kam plötzlich der Umschwung für die deutsche Schweiz mit Anlehnung an Süddeutschland für Graubünden, fast ausnahmslos mit italienischem Einschlag. Die Disentiser Klosterkirche ist eine der wenigen Ausnahmen. Sie ist so deutsch als nur möglich und verrät deutlich den Einfluss Kaspar Moosbruggers. Einzig in der Höhenentwicklung hat man — und zwar nicht zu ihrem Schaden — der südlichen Umgebung Rechnung getragen. Ihre Schwestern stehen nicht im sonnigen Italien, sondern in Rheinau und Pfäffers. Da die Kirche 1712 eingeweiht wurde, war auch ihre Stuckdekoration eher schwer als zierlich, ihre Reste lassen dies leicht ahnen — leider aber nur ahnen — denn was da nach dem Brand von 1799 an der Decke gemalt wurde, ist nicht nur in sich sehr minderwertig, sondern stört auch stark den Eindruck der Weiträumigkeit, den die Kirche sonst machen müsste und sicher wieder machen wird, wenn einst das Schiff wie jetzt das Chor restauriert ist. Das Mobiliar ist nicht gleich alt, auch nicht gleichwertig. Auf den schon erwähnten Frührenaissance-Altar folgt sein Gegenstück in Schwarz und Gold gefasst aus dem Jahr 1652. Von 1656 ist der Hochaltar datiert, von ca. 1712 sind die beiden grossen Seitenaltäre, etwas jünger die kleinen mit den reichvergoldeten Blattrahmen. 1735 wurde der eingelegte Stuckmarmoraltar erbaut und zu Beginn des 19. Jahrh. sein Gegenstück in Holz. So lässt sich in der einen Kirche die ganze Entwicklung der Renaissance von ihrer Frühzeit bis zum Klassizismus studieren.

Acletta

Wer aber mehr italienisch beeinflusste Kirchen vorzieht, der sehe sich die Pfarrkirche von Tavetsch oder Truns oder die Kapelle in Accletta bei Disentis an. In dieser Kapelle wird er auch italienisches Mobiliar finden, denn hinter dem heutigen reichvergoldeten Schnitzwerk steht noch der alte Altar aus Stuk. Sonst haben die Oberländer für ihre Kirchen mit Vorliebe sich Walliser Altäre beschafft, wohl die edelsten stehen in der Klosterkirche. Fein in den Einzelheiten sind sie selten, wirken aber gewaltig mit den reichvergoldeten Ranken, dem schweren Gebälk und den gewundenen Säulen. In Accletta befindet sich auf dem Hochaltar das Vielbewunderte Marienbild, das man schon Murillo zugeschrieben hat. Mag der Meister sein wer er will, ein duftiges reizendes Bild hat er geschaffen.

Schlussbemerkungen - Katalog-Informationen

So lässt sich auf dem kleinen Gebiet von Disentis fast die ganze Entwicklung des Kirchenbaues studieren. Es ist ein weiter Weg von der karolingischen Saalkirche bis zur prächtigen Barokhalle der Stiftskirche, selbst ein weiter Weg von den Wandgemälden von St. Agatha bis zur Immaculata von Accletta. Aber das ist gerade das Schöne an unsern Bergtälern, dass nicht nur eine prächtige Alpenwelt den Blick gefangen hä,lt, sondern dass in ihnen auch 1 1/2 Jahrtausend deutliche Kulturspuren zurückgelassen haben.

P. Notker Curti.



Katalogisierung der Universitätsbibliothek Toronto:
Curti, Notker
Kunstschätze der Kirchen
N7964
C87

25.11.1968
UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY



Das im Titel genannte Album fehlt, daher habe ich im Text gemachte Verweise auf Bildtafeln eliminiert.